
Die Landwirtschaft ist ein Bereich, der bis Anfang des 20. Jh. von der »kapitalistischen Umarmung«, im Sinne einer umfangreichen Ökonomisierung, verschont blieb. Grund dafür war die Schwierigkeit, die kleinbäuerliche Landwirtschaft so umzuformen, dass sich ein Mehrwert abschöpfen ließ, der größere Kapitalinvestitionen rechtfertigte. Dies änderte sich erst durch den Einsatz von Maschinen, die es ermöglichten, große Flächen in relativ kurzer Zeit zu bebauen, durch die Verwendung von industriellen Pestiziden und Düngemitteln sowie durch die Privatisierung der Pflanzenzüchtung.
Die Zuchtbranche durchlief im 20. Jh. eine dynamische Entwicklung. Viele mittelständische Zuchtbetriebe verschwanden und an ihre Stelle traten transnationale Saatgutkonzerne wie Monsanto, Dupont und Bayer Crop Sience mit gigantischen Umsätzen (Dupont: ca. 29 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006). Doch die Agrarkonzerne hatten ein »Problem«. Denn Saatgut ist nicht nur ein Produkt, das von den LandwirtInnen zur Aussaat immer wieder eingekauft werden muss, sondern auch gleichzeitig vermehrungsfähiges Material, also Produktionsmittel. Es kann wieder als Grundlage für die darauf folgende Aussaat dienen, indem ein Teil der Ernte zurückbehalten und aufgearbeitet wird - der sogenannte Nachbau. Da in einem Jahr, in dem Nachbau betrieben wird, kein Saatgut gekauft wird, gehen den ZüchterInnen viele potentielle KäuferInnen durch die Lappen. Um die Kontrolle über das Saatgut zu erhalten und Abhängigkeiten herzustellen, entwickelte die Zuchtbranche verschiedene Strategien. Hieran waren die Regierungen der kapitalistischen Länder maßgeblich beteiligt (durch internationale Verträge und Organisationen, finanzielle Unterstützung, militärische Interventionen, Entwicklungshilfe etc.).
Zu Beginn der 1950er und verstärkt in den 1960er und 1970er Jahren wurde in vielen Regionen der Welt die »Grüne Revolution« durchgesetzt. Diese kann als globale Strategie angesehen werden, immer weitere Landstriche weltweit in das kapitalistische System einzubinden und die Möglichkeit der »Roten Revolution« dort zu unterbinden. Der Begriff der »Grünen Revolution« beschreibt eine umfassende, staatlich geplante Modernisierung der Landwirtschaft, die auf biologischen technischen und chemischen Neuentwicklungen basierte. Wichtig war hierbei das sogenannte

Hybridsaat hat für die LandwirtInnen zur Folge, dass diese, bei optimalem Input von Wasser, Dünger und Pestiziden, bei der ersten Ernte einen 15-30% höheren Ertrag erzielen können. Gleichzeitig müssen sie jedes Jahr wieder neues Saatgut kaufen, da sich bei Hybridsaatgut wegen stark verminderter Ernteerträge die Wiederaussaat kaum lohnt. Mit der Einführung von Hybridsorten verstärkte sich demnach die Abhängigkeit der LandwirtInnen von den ZüchterInnen. Diese Neuentwicklungen führten zu umfassenden gesellschaftlichen und landwirtschaftlichen Umstrukturierungen.
Gab es in Indien vor der »Grünen Revolution« ca. 50.000 Reissorten, wurden 20 Jahre später auf dem größten Teil des Kontinents nur noch etwa 40 Sorten angebaut – eine umfassende genetische Uniformierung. Zugleich verschuldeten sich immer mehr LandwirtInnen, um sich das Hochleistungssaatgut mit den entsprechenden Pestiziden und Düngern leisten zu können. Der Umstieg auf Hybridsorten und die damit einhergehende Verschuldung war für viele LandwirtInnen ein irreversibler Prozess: Die Rückkehr zu den ursprünglichen Sorten war nicht mehr möglich, da diese entweder nicht aufbewahrt worden waren oder nicht den entsprechenden Mehrertrag erbrachten, um die angehäuften Schulden abzutragen. Am Ende mussten viele LandwirtInnen ihr Land verkaufen und als SaisonarbeiterInnen auf den Feldern von Großgrundbesitzern arbeiten (die häufig vormals ihre eigenen gewesen waren). Dieser Prozess verlief allerdings nicht gradlinig, sondern war gekennzeichnet von zum Teil heftigen Kämpfen und Auseinandersetzungen.
Die »Grüne Revolution« war zum einen eine Strategie zur Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion mit zum Teil katastrophalen Folgen für die Umwelt (Verlust biologischer Vielfalt, Bodenerosion etc.). Zum anderen wurden die LandwirtInnen, die Hybridsorten anbauten, von ihrem Produktionsmittel getrennt, was eine Zerstörung der tradierten gesellschaftlichen Naturverhältnisse, im Sinne gesellschaftlich spezifischer Formen von symbolischen wie materiellen Naturbeziehungen, zur Folge hatte. Im Laufe der Zeit monopolisierte sich die Kontrolle über die Produktionsmittel in den Händen von Saatgutkonzernen. Mit der Privatisierung der Saatgutproduktion und »der Grünen Revolution wird also ein bedeutender Schritt in der Durchsetzung einer kapitalistisch organisierten Landwirtschaft (…) gemacht«.

Gates, Rockefeller und die GMO-Giganten wissen mehr als wir. Wenn sich Bill Gates entscheidet, 30 Millionen Dollar seines hart verdienten Geldes in ein Projekt zu investieren, dann lohnt es, sich die Sache genauer anzusehen. Und nichts ist momentan aufschlussreicher als seine Beteiligung an einem seltsamen Vorhaben in einem entfernten Winkel der Erde, auf Spitzbergen. Hier investiert Bill Gates, mitten im arktischen Meer, tausend Kilometer vom Nordpol entfernt, einige Millionen Dollar in eine Samenbank... lies mehr >>> Saatgutbanken sind Lagerstätte von Kulturpflanzensamen, somit sind sie eine besondere Form der Genbank. 2008 wurde auf Spitzbergen die internationale Saatgutbank Svalbard Global Seed Vault eröffnet.
Quelle: Kapitalistische Naturaneignung und der Kampf ums Saatgut
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