
Hinter dem Begriff Armut verbirgt sich ein multidimensionales Phänomen. Armut bedeutet oftmals nicht, nur ein Mangel an Einkommen und damit kein Geld für das Nötigste zu besitzen, sondern zugleich Schutzlosigkeit vor makroökonomischen Schocks, vor Naturkatastrophen, Hunger oder Krankheiten.
Armut bedeutet, keinen Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung zu haben, der Mangel an Möglichkeiten sich zu bilden, sowie mangelnde Möglichkeiten zu politischen oder sozialen Mitsprache, bis hin zum vollkommenen sozialen Ausschluss.
"Poverty is lack of freedom, enslaved by crushing daily burden, by depression and fear of what the future will bring." —armer Mensch aus Georgien
"It’s the cost of living, low salaries, and lack of jobs. And it’s also not having medicine, food and clothes."— armer Mensch aus Brasilien
"Some have land, but they can’t buy fertilizer; if some work as weavers, they aren’t well paid; if some work for daily wages, they aren’t paid a just wage." — armer Mensch aus Guatemala.
So und anders beschreiben Arme ihre Situation in einer umfassenden Studie der Weltbank zum Thema Armut.

Armut ist mehr als ein Ergebnis ökonomischer Prozesse. Armut ist das Ergebnis sich gegenseitig beeinflussender ökonomischer, sozialer und politischer Prozesse. Die Ursachen von Armut sind im Wesentlichen im Ausschluss bzw. im fehlenden Zugang der Armen zu Ressourcen wie Bildung, Kapital, Land, Informationen und Dienstleistungen (bspw. Finanzdienstleistungen wie Kredite oder Gesundheitsdienstleistungen) zu sehen.
Zu den Einflussgrößen von Armut zählen vielerlei interdependente Faktoren wie bspw. „good governance“, ein funktionierendes und effektives Rechtssystem, globale und regionale Sicherheit, wirtschaftliche und politische Stabilität, aber auch Umweltfaktoren wie die Abholzung von Wäldern, klimatische Veränderungen oder Naturkatastrophen. Auf kommunaler Ebene ist das Vorhandensein von Infrastruktur - also bspw. Straßen, Elektrizität, Telekommunikation, Schulen, Gesundheitseinrichtungen- eine entscheidende, wenn nicht die bedeutendste Einflussgröße von Armut.
Die Bekämpfung von Armut ist mittlerweile zur elementaren Aufgabe der Weltgemeinschaft und zur zentralen Aufgabe der nationalen und internationalen Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit geworden.
Programme zur Armutsbekämpfung versuchen das Wirtschaftswachstum der betroffenen Länder zu stimulieren, indem sie bspw. die makroökonomische Stabilität fördern oder einen fairen Handels unterstützen. NRO fordern hinsichtlich der Armutsbekämpfung immer wieder, Kleinbauern in Entwicklung- und Schwellenländern vor subventionierten Billigimporten aus bspw. Europa zu schützen (Erfahre mehr zu diesem Thema im Wissens-Beitrag Agrarhandel).
Nationale Programme zur Armutsbekämpfung versuchen in erster Linie, die Strukturen innerhalb den betroffenen Ländern zu ändern. Initiativen fördern auf nationaler Ebene in der Regel eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ und gewährleisten zudem eine Partizipation und Gleichberechtigung Armer (bspw. durch Reformen der Wirtschafts-, Finanz-, Bildungs-, Rechts- und Sozialsysteme), um ihr Einkommen auch langfristig zu sichern. In diesem Zusammenhang genießen Infrastrukturprogramme, Mikrofinanzprogramme oder Bildungsprogramme besondere Aufmerksamkeit, da sie die Möglichkeiten armer Menschen verbessern - insbesondere die Fähigkeit, am Wirtschaftsleben teil zunehmen (indem sie bspw. durch Strom oder den Bau von Straßen Zugang zu Informationen und Märkten erhalten).
Die Millenniumsentwicklungsziele (MDG) - Auf dem Weg in eine Welt ohne Armut?
Vor dem Hintergrund der weltweit wachsenden Armut wurden im September 2000 von der internationalen Gemeinschaft die acht Millenniumsentwicklungsziele (MDG) formuliert, die die 185 Länder bis zum Jahre 2015 durch entsprechende Programme und Strategien erreichen wollen. Das MDG 1 fordert eine weltweite Halbierung der Menschen, die in extremer Armut leben, bis zum Jahre 2015. Als extrem arm gilt nach Definition der Weltbank, wer von weniger als einem US-$ pro Tag zur Verfügung leben muss. Gegenwärtige Trends und Wachstumsprognosen implizieren die Erreichung des MDG 1 in den meisten Ländern, bis auf Sub-Sahara Afrika. Laut Weltbank (WDI (2006) werden im Jahr 2015 insgesamt immer noch 600 Millionen Menschen in Armut leben, die meisten davon in Südasien und Sub-Sahara Afrika. Mehr zu den MDG im Wissens-Beitrag "Die Milleniums-Entwicklungsziele (Millenium Development Goals, MDG)".
Bedeutet Wirtschaftswachstum Armutsbekämpfung?
Ob sich Wirtschaftswachstum armutsmindernd auswirkt, hängt maßgeblich davon ab, in welchen Bereichen Wachstum stattfindet (bspw. in der Landwirtschaft, in der ein großer Teil Armer beschäftigt ist) und wie Einkommen und der Konsum verteilt sind. Während man in der Vergangenheit davon ausgegangen war, dass sich sog. trickle down Effekte einstellen – also der durch das Wirtschaftswachstum erreichte Wohlstand auch die unteren Gesellschaftsschichten erreicht-, konzentriert sich die Forschung seit einigen Jahren explizit auf so genanntes Pro-Poor Growth. Also ein breitenwirksames Wachstum zu dem Arme beitragen und an dem Arme Teil haben.
Welche Maßnahmen und Strategien jedoch genau zu ergreifen sind, um ein breitenwirksames nachhaltiges Wachstum zu fördern, ist gegenwärtig noch nicht zu beantworten. Als entscheidende Erfolgsfaktoren bei der Bekämpfung von Armut gelten jedoch in jedem Fall Verteilungsgerechtigkeit und eine verbesserte Regierungsführung.
Quellen
Links und Literaturhinweise zum Thema "Armut"
Rima Hanano, RESET-Redaktion (2008; aktualisiert 2011)
Kommentar schreiben