Mikrofinanzen – Finanzdienstleistungen für kleine Leute

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Bild: Matteo Di Nicola/stock.xchng

Spätestens seit Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank, für seine Bemühungen, die Armut in Bangladesh zu reduzieren, 2006 den Friedens-Nobel Preis erhielt, sind Mikrofinanzen kein Fremdwort mehr. Herrschte lange Zeit die Auffassung, dass Arme weder kreditwürdig seien und noch fähig seien zu sparen, gelten Mikrofinanzprojekte und –programme mittlerweile als ein entscheidendes Mittel, um Armut zu reduzieren und damit einen Beitrag zur Erreichung der MDG zu leisten. In den letzten Jahrzehnten haben Mikrofinanzen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Laut Microcredit Summit Campaign Report 2007 existieren mittlerweile mehr als 3000 Mikrofinanzinstitutionen, die mehr als 130 Millionen arme Menschen mit Basisfinanzdienstleistungen versorgen. Warum aber sind Mikrofinanzen so wichtig für die „kleinen Leute“ und wie können Mikrofinanzen den Armen helfen, ihre Armut zu durchbrechen?

Die Idee, die hinter dem Konzept von Mikrofinanzen steht, ist nicht neu und findet bereits seit Jahrzehnten vor allem in Entwicklungsländern in verschiedener Form Anwendung. Bisher waren – und sind in vielen Teilen der Erde immer noch- private Geldverleiher („Moneylender“) primäre Geldquelle für arme Menschen, denen vor allem aufgrund fehlender Sicherheiten und einem unregelmäßigen Einkommen, der Zugang zu traditionellen Banken verwehrt bleibt.
Astronomische Zinsen treiben die Kunden vieler Geldverleiher nicht selten in eine Schuldenfalle, die dann oftmals zu einem weiteren Kredit greifen. Ein Ausweg ist selten in Sicht. Trotz einer existierenden Nachfrage nach Kleinkrediten, der Tatsache, dass auch extrem arme Menschen sparen, kreditwürdig sein können und verantwortungsvoll mit dem geliehen Geld agieren, brauchte es einige Jahrzehnte bis das Konzept Mikrofinanzen auch die allgemeine Anerkennung erhielt. Der Grund hierfür mag vor allem an einer anfänglich mangelnden Erfahrung auf diesem Gebiet und der geringeren Attraktivität dieses Geschäftsfeldes liegen, da mit dem Angebot von Mikro-Finanzdienstleistungen im Vergleich zu Standardfinanzdienstleistungen in der Regel höre Kosten verbunden sind.

In den 70`er Jahren starteten trotz dessen die ersten offiziellen Kleinkreditprogramme. In den frühen 90 `er Jahren erweiterte sich allmählich die angebotene Produktpalette um Spar- und Versicherungs- bis hin zu Transfer- Dienstleistungen für „kleine Leute“. Als Pioniere der Mikrofinanz-Bewegung gelten die Grameen Bank in Bangladesh (betreut heute mehr als 2 Mio. Kreditnehmer), die Self-Employed Women´s Association Bank in Indien und die Bank Rakayat Indonesia (BRI) in Indonesien (betreut heute ca. 22 Mio. Mikrosparer). Mittlerweile ist ein beachtlicher Markt entstanden und das Angebot von Mikrofinanzen für viele Anbieter ein nachhaltiges Geschäft geworden. Das Spektrum der Anbieter reicht mittlerweile von Non-Profit Nicht-Regierungs-Organisationen bis hin zu kommerziellen Großbanken.

Mikrofinanzen - Hilfe zur Selbsthilfe

C. Ströh
C. Ströh

Mikrofinanzen umfassen Basisfinanzdienstleistungen für arme Menschen, die für viele Menschen höherer Einkommensschichten zum Alltag gehören: Kredite, Versicherungen, Überweisungen und diverse Sparoptionen. Menschen ohne finanzielle Sicherheiten, einem unregelmäßigen Einkommen und/oder nicht offiziellen Ausweispapieren, bleibt in der Regel der Zugang zu traditionellen Banken verwehrt. Der fundamentale Wert von Mikrofinanzen liegt vor allem in der Chance, Millionen von Menschen ohne Zugang zum traditionellen Finanzsektor, bspw. durch einen Kleinkredit, eine Basis für ein „besseres Leben“ zu ermöglichen. So reicht in vielen Ländern bereits ein Kleinstkredit aus, um sich bspw. durch den Kauf von Saatgut, eines Transportmittels oder einer Maschine eine Existenz aufzubauen und so den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. Bei traditionellen Mikrokrediten handelt es sich in der Regel um kleine Kreditbeträge von umgerechnet 100 US$ oder weniger. Gespart werden kann zudem in Minibeträgen, die schnell verfügbar sind. Die Menschen an welche Kleinkredite vergeben werden sind „wirtschaftlich aktive“ Menschen, also bereits Kleinunternehmer oder Kleinunternehmer in spe. Der Großteil der Kreditnehmer sind Frauen, da sie aufgrund hoher Rückzahlungsquoten als äußerst kreditwürdig gelten. Aufgrund dessen konzentriert sich auch eine große Zahl von Mikrofinanz-Programmen ausschließlich auf weibliche Kreditnehmer.

Finanzdienstleistungen für die Armen

C. Sröh
C. Sröh

Die Anbieter von Mikrofinanzdienstleistungen haben sich im Verlaufe der Jahre Schritt für Schritt den Bedürfnissen armer Menschen angepasst. Charakteristisch für Mikrofinanzdienstleistungen sind natürlich kleine und kleinste Geldbeträge. Im Fall von Sparkonten wird in der Regel keine Mindestseinlage vorausgesetzt und eine schnelle Verfügbarkeit der Ersparnisse garantiert, was für die meisten Armen wichtiger ist, als ein hoher Zinssatz. Gleichzeitig werden im Fall von Krediten oftmals alternative Sicherheiten akzeptiert, wodurch Menschen ohne finanzielle Mittel gerade erst den Zugang zu diesen ermöglicht wird. Im Hinblick auf Kleinkredite werden Individual– und nicht selten Gruppenkredite, an eine Gruppe von drei bis zu zehn Personen vergeben (sog. Solidaritätsgruppen), die dann gemeinschaftlich die Garantie für die Rückzahlung übernehmen. Der soziale Druck, den Kredit zurückzuzahlen und damit auch für den Rest der Gruppe zugänglich zu machen, ersetzt bei Gruppenkrediten die finanzielle Sicherheit. Manche Anbieter gewährleisten durch mobile Außendienstmitarbeiter, dass auch Menschen in abgelegene Dörfer und Gemeinden erreicht werden können, für die ein Weg zur nächsten größeren Stadt zu kostspielig ist. Durch die Einführung von Geldautomaten an denen sich Klienten per Fingerabdruck identifizieren können und die durch Sprachmitteilung (wahlweise auf Spanisch oder in den lokalen indigenen Sprachen Aymara und Quechua) bedienbar sind, ermöglicht die Mikrofinanzbank Prodem in Bolivien, auch Menschen, die weder Lesen und Schreiben können, jederzeit einen leichten Zugriff auf ihre Ersparnisse.

Entgegen anfänglicher Erwartungen weisen einige Anbieter von Mikrofinanzen, bei Kleinkrediten Rückzahlungsquoten von bis zu 90 % aus, die damit sogar höher als bei traditionellen Banken liegen. Nur wenige Mikrofinanzanbieter agieren jedoch bisher finanziell nachhaltig, einige von ihnen sind jedoch sogar hoch profitabel. Aufgrund der Kostenintensität von Mikro-Finanzdienstleistungen liegen die Zinssätze von Kleinkrediten, in der Regel oberhalb des herrschenden Marktzinssatzes (Sie liegen jedoch damit häufig weit unterhalb der Zinssätze, die informelle Kreditgeber wie bspw. privater Geldverleiher nehmen).

Mikrofinanzen als Allheilmittel?

C. Ströh
C. Ströh

Trotz zahlreicher Studien ist eine generelle Aussage hinsichtlich einer armutsmindernden Wirkung von Mikrofinanzen unmöglich. Erfolg oder Misserfolg von bspw. Mikrokreditprogrammen hängen nicht nur von den unternehmerischen Fähigkeiten der Kreditnehmer ab, sondern insbesondere auch von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes. Ungünstige Bedingungen und mangelnde Erfahrung der Kreditnehmer lassen auch Kleinkredite zu einer Schuldenfalle werden. Um dem vorzubeugen verbinden bereits einige Institutionen Kleinkredite bspw. mit Bildungsmaßnahmen. In vielen Fällen verbessern Mikrofinanzen jedoch die wirtschaftliche Situation der Familie. Das erzielte Einkommen kommt erfahrungsgemäß vor allem der Ausbildung der Kinder und einer besseren medizinischen Versorgung zu Gute. Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil der Kreditnehmer Frauen sind, leisten Mikrofinanzen darüber hinaus einen enormen Beitrag zum Empowerment und zur Gleichberechtigung von Frauen in Entwicklungsländern. Obwohl in den letzten Jahren aufgrund der wachsenden Anzahl Anbieter immer mehr Arme Zugang zu Finanzdienstleistungen erhalten haben, hat die Mehrheit der Armen keinen Zugang zu Spar-, Kredit- und Versicherungs- Dienstleistungen.
Nach offiziellen Schätzungen sind weniger als 2 % der Bevölkerung Kunden von Mikrofinanzinstitutionen. Die zunehmende Kommerzialisierung von Mikrofinanzen mag dazu beitragen, dass ein großer Teil ärmerer Bevölkerungsschichten unerreicht bleibt.

Ausgewählte Quellen und Links rund um das Thema Mikrofinanzen

© C. Ströh
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Selber einen Kleinkredit vergeben

C. Ströh
C. Ströh

Mittlerweile existiert eine große Anzahl von Institutionen wie bspw. Kiva, MicroPlace , MyC4 , Oikocredit  oder Namaste Direct  mit deren Hilfe man direkt oder indirekt Kleinkredite an Kleinunternehmer vergeben kann.

Die in diesem Beitrag verwendeten Bilder wurden freundlicherweise von Christiane Ströh zur Verfügung gestellt. 


Rima Hanano I RESET-Redaktion

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