Das Handy als Entwicklungsmotor

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Onesevenone/Flickr

Ein Leben ohne Handy – das ist für die meisten von uns kaum vorstellbar. Von einem exklusiven Spielzeug hat sich das Mobiltelefon in kürzester Zeit zu einem täglichen Begleiter über die ganze Welt fast wie von selbst verbreitet. Keine Technologie hat die Welt bisher schneller erobert. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung – ca. 4 Milliarden Menschen- nutzt heute ein Handy. Der Großteil der Besitzer ist laut United Nations Department of Economic and Social Affairs aber nicht in den USA oder in Europa zu Hause, sondern in ärmeren Ländern wie Ghana, Uganda, oder Nigeria (ca. ¾ der Handybesitzer). In der krisengeschüttelten Demokratischen Republik Kongo nennen 2,7 Millionen Menschen ein Mobiltelefon ihr Eigen. Hier ist das Telefon mehr als ein Telefon. Das Handy ist ein Entwicklungsmotor der besonderen Art.

Handys ermöglichen nicht nur die Kommunikation außerhalb der unmittelbaren Umgebung. Handys überbrücken schlechte Straßen und weite Distanzen. Mit dem Handy können Menschen Geld überweisen oder empfangen wo keine Bank ist und dort wo kein Krankenhaus ist, trotzdem medizinischen Rat bekommen. Die Bilder die aus dem Iran per Handy um die Welt geschickt wurden haben gezeigt, dass Handys sogar autoritäre Regime überwinden können.

Die Armen benutzen längst Telefone

Einer Studie von LIRNEasia, einem ThinkTank auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologie, zu Folge benutzen mehr als 92 % der Armen in Indien bereits eine Telefon. In Bangladesh hat jeder Dritte Zugang zu einem Handy und in Pakistan und Sri Lanka kommuniziert sogar jeder zweite mit einem Handy. Zur Studie von LIRNEasia geht es hier.

Während der Bedarf an Handys mit dem zweiten oder dritten Handy pro Kopf in Industrieländern weitestgehend gesättigt ist, sind die Märkte der Zukunft die Entwicklungsländer und die Kunden ihre arme Bevölkerung. Laut einer Studie des World Resources Institute steigen die Ausgaben für Mobiltelefone in Entwicklungsländern mit dem Haushaltseinkommen sogar stärker an, als Ausgaben für Wasser, Strom oder Sonstiges.

Die Märkte der Zukunft liegen im Süden

Mit 700 Millionen Handy-Kunden ist China heute der weltgrößte Mobiltelefon-Sektor. Auch Indien verzeichnet große monatliche Zuwächse. Das weltweit größte Wachstum an Neukunden aber verzeichnet Afrika. Nach Schätzungen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) ist die Zahl der Handynutzer in den letzten zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen. Vier von zehn Menschen in Afrika besitzen mittlerweile ein Mobiltelefon. Südlich der Sahara benutz sogar jeder Sechste ein Mobiltelefon. In Nigeria (ca. 140 Millionen Einwohner) ist die Anzahl der Handynutzer in weniger als vier Jahren laut Untersuchungen der Weltbank von 370.000 Besitzern explosionsartig auf 16.8 Millionen angestiegen. In Ghana (23 Millionen Einwohner) benutzen inzwischen etwa sieben Millionen Menschen ein Handy. Im Jahr 2000 waren es noch wenige Tausend.

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Unternehmen wie Zain (ehemals CELTEL) sehen in der armen Bevölkerungsschicht eine ganz neue und eigene Kundengruppe. Der afrikanische Marktführer im Bereich Mobiltelefone schreckt auch vor Ländern mit schwierigen sozio-politischen Bedingungen wie der DR Kongo, Sierra Leone oder dem Sudan nicht zurück. Mehr als 6 Millionen Kunden hat das einstige Start-Up Unternehmen, das sich in nur sieben Jahren zum Telefon-Giganten gemausert hat.

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Entwicklungsmotor Mobiltelefon

Der Bedarf an Handys ist groß und vor allem in Indien, Pakistan oder Sri Lanka ungesättigt. Denn nicht jeder kann sich – trotz erschwinglichen Handys, Prepaid-Modellen und günstigen Tarifen - gleich ein eigenes Mobiltelefon leisten. Wer kein Gerät hat, der leiht sich eines oder besucht eine „mobile Telefonzelle“. Mobile Telefonzellen mit Kabeltelefonen (siehe Foto) gehören in vielen Entwicklungsländern zum alltäglichen Stadtbild. Komfortabler und größere Potenziale bieten jedoch Handys.

Ein sehr erfolgreiches Projekt in Bangladesh ist das der Grameen Telecom Corporation (GTC) in Kooperation mit der Grameen-Bank Grameenphone vermittelt vor allem an Frauen aus ländlichen Regionen in Bangladesh Kredite von ca. 200 USD um Handys, sog. Grameenphones zu erwerben und Telefondienste in ihren Heimatdörfern anzubieten. 354.000 sog. Phone Ladies (Stand 2008) sichern sich durch den Verkauf von Telefonminuten allein in Bangladesh mittlerweile auf diese Weise ihren Lebensunterhalt und verbinden selbst die entlegensten Dörfer mit dem Rest der Welt. Kein schlechtes Geschäft – Für beide Seiten. Im Jahr 2007 erwirtschaftete Grameenphone einen Umsatz von 600 Millionen Dollar. Mehr Infos zum „Village Phone“ Projekt.

Nachahmerprojekte gibt es mittlerweile nicht nur in den Nachbarländern, sondern auch in Afrika (v.a. in Uganda und Ruanda). Hier hat der Telekomanbieters MTN in Kooperation mit der Grameen-Foundation ein „Village Phone“ Projekt mit ganz ähnlichem Erfolg wie in Bangladesh etabliert.

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Aber warum können Handys so wichtig sein?

Handys werden vor allem in ländlichen abgelegenen Regionen zunehmenden zu bedeutenden Schnittstellen, die Menschen den Zugang zur Gesundheitsvorsorge, zu Marktinformationen, zu Finanzdienstleistungen oder schlicht die gesellschaftliche Partizipation ermöglichen. Und das, mit einem wesentlichen Effekt auf die Wirtschaft. Laut Weltbank bewirkt ein zusätzliches Handy pro 100 Menschen in einem Entwicklungsland, ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent Punkten. Dort, wo die Infrastruktur und die Anbindung an den Rest der Welt am schlechtesten sind, bieten Handys die größten Potenziale.

Experten gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Menschen über ein Handy Zugang zum Internet erhalten, als durch jedes andere Medium. Der Grund: Handys sind erschwinglicher als Computer und aufgrund ihres geringen Strombedarfs auch universeller einsetzbar. Eine Möglichkeit mit der auch Arme den Anschluss an die moderne Informationstechnologie erhalten und womöglich die Digitale Kluft zwischen Arm und Reich leichter und schneller überwunden werden kann. Erfahre mehr zum Thema im RESET Wissens-Beitrag "Digitale Kluft".

In Nigeria gehen mittlerweile 7 Millionen Menschen via Handy online. Kleinbauern in Costa Rica ermitteln internationale Marktpreise über das Handy. Indische Bauern informieren sich über die Wetterbedingungen der nächsten Tage und Fischer über die aktuelle Marktsituation. Potenziale birgt das Handy außerdem in den Bereichen „Mobile Banking“, „Mobile Health“ und „Mobile Participation“:

Mobile Banking: 1,7 Milliarden Menschen haben kein Bankkonto, obwohl der Zugang zu Finanzdienstleistungen ein ganz wesentliches Instrument der Armutsbekämpfung ist. (Erfahre etwas zum Thema im RESET-Beitrag „Mikrofinanzen - Finanzdienstleistungen für kleine Leute“ ). Mittels Handy erhalten diese Menschen zwar kein Konto, können via Handy jedoch zumindest Geld überweisen und sogar kleine Kredite aufnehmen. Das Projekt M-PESA des Unternehmens Safaricom gehört derzeit zu den erfolgreichsten „Mobile Money“ Projekten. 2007 in Kenia gestartet, nutzen M-PESA mittlerweile 7 Millionen Menschen (bei 38 Millionen Einwohner). Ähnliche Projekte gibt es in Südafrika und den Philippinen.

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Mobile Health: Im Gesundheitssektor helfen Handys nicht nur bei der Gesundheitsvorsorge, sondern binden Ärzte in ländlichen, abgelegenen Regionen an städtische Krankenhäuser an und ermöglichen einen schnellen und günstigen Austausch von Informationen zur Diagnose, zur Medikation oder evtl. Krankheits-Epidemien. Die Organisation Text to Change (TTC) hat in Sachen Gesundheitsvorsorge mit Hilfe eines Handy-Quiz zum Thema HIV/AIDS einen 40-prozentigen Anstieg der HIV/Aids Tests in Uganda erreicht. Auch die UN, Vodafone, und die Rockefeller-Stiftung haben die Handy-Technologie für sich entdeckt und erst 2008 ein „mHealth“-Projekt gestartet. Mehr Informationen zum Projekt „mHealth“ 

Eine bessere Gesundheitsversorgung will die Initiative Stop Stockouts  durch ein SMS gestütztes Informationssystem erreichen. Die Informationen bzgl Bedarf und Stock von Medizin werden via SMS auf einer zentralen Webseite gebündelt und Engpässe von Basis-Medizin damit vermieden.

Mobile Participation:  Die Bilder aus dem Iran gingen um die ganze Welt. Handys bieten nicht nur wirtschaftliche Möglichkeiten, sondern eine Möglichkeit mit der Welt in Kontakt zu treten, politischen Protest auszudrücken und damit sogar einen Beitrag zur Einhaltung der Menschenrechte zu leisten. Projekte wie Ushahidi  in Kenia, "Voices of Africa“ (Stimmen Afrikas)  oder TXTPower auf den Phillipinen sind Pioniere der „Mobilen Participation“.

TXTPower mobilisierte und organisierte im Jahr 2001 Massenproteste gegen den unter Korruptionsverdacht stehenden damaligen Präsidenten Joseph Estrada via Handy.  Auf der Plattform Ushahidi („Zeugnis“ oder „Zeugenaussage“ auf Kisuaheli) dokumentierte die Bevölkerung mittels Handy die Unruhen, die im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen in Kenia im Dezember 2007 stattfanden und machte die Krisenherde für  die Öffentlichkeit sichtbar. (Siehe Foto)

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Ushahidi.com: Mittlerweile sind mittels Ushahidi Projekte ganz unterschiedlicher Art entstanden. Ckeck: http://www.ushahidi.com/work

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Was bringt die Zukunft?

In nur wenigen Jahren ist aus dem Mobiltelefon ein Hebel für wirtschaftliche Entwicklung für die Ärmsten dieser Welt geworden. Innovative Ansätze, welche auch Handys als Entwicklungsmotor einsetzen, existieren mittlerweile in vielen Bereichen, wie auch im Bildungssektor. (Hier wird der Einfluss von Handys auf die Bereitstellung von Bildung momentan aber noch als sehr begrenzt eingeschätzt.)

Anbieter von Mobilfunk-Technologien sind neben großen gewinnorientierten Mobilfunkunternehmen auch Non-Profit Initiativen wie die Community RapidSMS oder das Open Mobile Consortium (OMC). Das Open Mobile Consortium (OMC) bietet stets neue mobile Anwendungen und Software –quelloffen, also Open Source an.

Die Potenziale des Entwicklungsmotors Handy schätzen Experten angesichts der Tatsache, dass 75 % der armen Menschen in ländlichen infrastrukturschwachen Regionen leben, für die Zukunft noch weitaus größer ein. So ist zu hoffen, dass in Zukunft vor allem Menschen auf dem Land via Handy stärker an der Wirtschaftsentwicklung ihres Landes profitieren werden.

Nicht zu vergessen ist jedoch, dass der möglichen positiven Bedeutung von Mobiltelefonen für die Entwicklung eines Landes und seiner Bevölkerung, gleichzeitig Aspekte wie menschenverachtende Produktionsbedingungen (etwa beim Abbau der Rohstoffe Coltan oder Tantal) und desaströse ökologischen Folgen, welche die Produktion verursacht, gegenüber stehen. Mehr zur dunklen Seite der Mobiltelefone im Wissens-Beitrag "Umweltproblem Mobiltelefon".

Literatur rund um das Thema „Handy als Entwicklungsmotor“

 

Rima Hanano, RESET-Redaktion. Zuletzt überarbeitet im Dezember 2009.

Eine aktuelle Studie zum Einsatz von Mobiltelefonen für indische Bauern und Fischer gibt es hier: http://www.icrier.org/publication/working_papers_246.html

 

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