- Die Militäraktion verstößt gegen jedes internationale Recht
- Israel provoziert unkontrollierbare arabische Reaktionen
- Friedensratschlag solidarisch mit israelischer Friedensbewegung
Kassel, 31. Mai 2010 - Zum Angriff der israelischen Streitkräfte auf den internationalen Hilfskonvoi für Gaza, in dessen Folge zahlreiche Menschen getötet oder verletzt wurden, erklärte der Sprecher des
Bundesausschusses Friedensratschlag:
"Der israelische Privatsender '10' berichtete, dass bei dem israelischen Angriff 16 Menschen ums Leben gekommen sind. Die Sicherheitskräfte hätten das Feuer eröffnet, nachdem einige Menschen an Bord sie 'mit Äxten und Messern' angegriffen hätten. - Die israelische Besatzungsarmee verhängte eine Nachrichtensperre. Demnach darf aus Israel nicht über die Zahl der Toten und Verletzten berichtet werden. Die Organisatoren der Flottille erklärten, sie hätten keinen Kontakt mehr zu den Schiffen."
So weit die jüngsten und bis auf weiteres wohl auch letzten Meldungen, denn die von Israel verhängte Nachrichtensperre dürfte total sein. Allenfalls können wir mit weiteren Märchen rechnen wie der Behauptung, die Friedensaktivisten hätten die israelischen Soldaten mit Messern und Äxten angegriffen.
Fest steht, dass die Schiffe sich in internationalen Gewässern befanden, als sie in der Nacht zum Montag von der israelischen Marine überfallen wurden. Unzweifelhaft sind mehrere zivile Opfer zu beklagen, zahlreiche Menschen wurden verletzt. An Bord der Schiffe befinden sich unter anderem die Friedensnobelpreisträgerin von 1976, Mairead Corrigan Maguire, europäische Parlamentarier, eine Holocaust-Überlebende und der weltberühmte Schriftsteller Henning Mankel. Von deutscher Seite sind u.a. der stellvertretende Vorsitzende der IPPNW, Matthias Jochheim, der bekannte Hamburger Völkerrechtler Prof. Dr. Norman Paech, die Bundestagsabgeordneten Annette Groth und Inge Höger sowie Nader el Sakka von der Palästinensischen Gemeinde Deutschland dabei.
Der Bundesausschuss Friedensratschlag ist erschüttert und empört über das Ausmaß der israelischen Aggression. Die Verbindung zu Norman Paech, der sich auf dem angegriffenen türkischen Schiff "Marmara" befindet, ist abgebrochen. Der Bundesausschuss Friedensratschlag ist in großer Sorge
um ihn und um die anderen Teilnehmer/innen an der Gaza-Hilfsexpedition.
Das Aufbringen der Schiffe in internationalen Gewässern und der brutale Einsatz von Waffengewalt ist ein besonders schwerer Akt der Piraterie. Israel setzt sich damit über das Internationale Seerechtsabkommen hinweg. Wir fordern von der Bundesregierung, dass sie umgehend und massiv von der israelischen Regierung Aufklärung und die sofortige Freilassung der deutschen und der Staatsbürger anderer Staaten und deren Überstellung an die jeweiligen Botschaften verlangt.
Die seit vier Jahren praktizierte Abriegelung des Gaza-Streifens verstößt nicht nur gegen die Genfer Konventionen, sondern auch gegen alle Prinzipien der Humanität. Piraterie und Mord sind Verbrechen, die auch dann bestraft werden müssen, wenn sie von befreundeten Regierungen begangen werden. Daher fordern wir von der Staatengemeinschaft, insbesondere von der EU, die israelischen Verstöße gegen Völkerrecht und Menschenrechte nicht weiter tatenlos hinzunehmen, sondern über wirkungsvolle Sanktionen nachzudenken und sie ggf. auch zu verhängen.
Die ersten Reaktionen aus der Türkei und aus verschiedenen arabischen Ländern lassen erkennen, dass Israel mit seiner Militäraktion gegen zivile Hilfsschiffe jeden Funken Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses erstickt hat. Die Gewalt wird neue Gewalt hervorrufen, Aktionen der verzweifelten Menschen im Gazastreifen werden sich kaum kontrollieren lassen. Die arabische Welt ist in Aufruhr. Der Nahe Osten steht vor einer neuerlichen Eskalation der Gewalt.
Die Friedensbewegung hier zu Lande ist aufgefordert, mit Veranstaltungen, Mahnwachen und anderen Aktionen gegen die israelische Politik zu protestieren und ein Ende des Embargos gegen Gaza sowie ein Ende der völkerrechtswidrigen Besetzung des Westjordanlands zu fordern. Der israelischen Friedensbewegung, die heute bereits zu Solidaritätskundgebungen mit den Aktivistinnen und Aktivisten des Hilfskonvois aufgerufen hat, gilt die Sympathie und Unterstützung aus Deutschland.
Für den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Peter Strutynski (Sprecher)
Aus einer Internet-Agentur:
Israel - Handeln nach Konvoi-Massaker erforderlich
Der aktuelle Sachstand:
Der Konvoi hatte den israelischen Behörden als Good Will - ohne rechtliche Verpflichtung - Ladung und Mitfahrende detailliert mitgeteilt. Bislang haben sich solche Angaben der Blockadebrecher stets als wahr erwiesen. Es gab und gibt keine Anhaltspunkte, daß für einen Widerstand bestimmte Güter an Bord waren.
Der Überfall fand in internationalen Gewässern statt. Es gab auf dem Führungsschiff Widerstand gegen den Piratenangriff mit primitiven Mitteln wie Eisenstangen, Messern und ähnlichen Handwaffen. Ein Angreifer wurde über Bord geworfen. Die Angreifer gingen mit Schußwaffen gegen die Verteidiger vor.
Die Anzahl der toten Gaza-Aktivisten soll 19 betragen, die Zahl der Verletzten wird mit mehreren Dutzend angegeben.
Es sind alle sechs Schiffe des Konvois gekapert worden, nicht nur drei (wie gestern berichtet), sie wurden samt Passagieren und Besatzung in den Hafen von Asdod verschleppt. Diesen Hafen wollten sie zwar ohnehin erreichen, jedoch freiwillig und nicht unter einem israelischem Prisenkommando.
Unklar ist, ob es auf den anderen Schiffen ebenfalls Gegenwehr gab.
Es waren zehn Deutsche an Bord der Schiffe (statt 5 wie gestern berichtet). Unklar ist, ob welche von ihnen verletzt oder ermordet worden sind. Von Jochheim ist bekannt, daß er unverletzt geblieben
ist, er mußte allerdings wegen eines Herzvorfalles im Krankenhaus behandelt werden. Norman Paech fuhr auf der angegriffenen Führungsschiff "Mavi Marmara" mit. Er ist unverletzt, ebenso Annette Groth und Inge Höger.
Die israelische Regierung stellt das Gemetzel als Notwehr dar. Dies geht aus zweierlei Gründen an der Sache vorbei:
- Die Angreifer waren nicht die Hilfsschiffe, sondern die Armee.
Daran ist völkerrechtlich nichts zu deuteln.
- Es ist nicht vorstellbar, daß Elitesoldaten solche
Kampfsituationen nicht anders bewältigen könne, als mit einem
Schußwaffen-Gemetzel
Dabei darf es nicht um militante Gegenwehr gegen israelische Politiker gehen, so nahe dies auch liegt. Sie würde einem der Gefahr aussetzen, genauso mörderisch zu werden wie diese es selbst sind.
Nur mit kühlem Kopf kann es weiter gehen. Eine *unabhängige* internationale Untersuchungskommission wird den Sachverhalt um den Angriff selbst und das Massaker schnell aufklären können. Andere Komplexe (s.u.) sind - getrennt davon - langwieriger zu prüfen
Israels Regierung muß zur Rechenschaft gezogen werden können:
- Es sind internationale Haftbefehle gegen Netanjahu und den
Kriegsminister Ehud Barak sowie den militärischen
Oberkommandierenden und die Befehlskette bis hin zu den
durchführenden Kommando-Soldaten zu erlassen.
Sie alle sind direkt verantwortlich für den
völkerrechtswidrigen Befehl zum Angriff, auch für den
Schußwaffeneinsatz.
In diesem Zusammenhang sind auch die parlamentarischen
Beschluß- und Kontrollgremien Israels entsprechend zur
Verantwortung zu ziehen.
- Die Rolle der US-Regierung und ihrer Geheimdienste, die in der
Regel von israelischen kriegerischen Aktionen vorab
unterrichtet wird, ist zu untersuchen.
- Es besteht der Verdacht, daß Mitglieder US-Regierung bzw.
Nachgeordnete Vorwissen besessen haben und nicht reagierten
("let it happen") - weder den Konvoi warnten noch möglichen
Einfluß auf die israelische Regierung nahmen.
- Es ist zu untersuchen, ob und welches Vorwissen Politiker der
eng mit Israel Verbündeten Staaten und der NATO gehabt haben.
Dies gilt insbesondere für die bundesdeutsche Regierung.
- Es ist ebenfalls zu untersuchen, ob und welches Vorwissen die
zypriotische Regierung hatte, die sich zuvor überraschend
ablehnend gegenüber dem Konvoi-Projekt verhielt.
Es ist ein internationales polizeiliche Vorgehen ohne Ansehen der Person mehr als notwendig, um dem Terror durch Staaten ein Ende zu bereiten. Politiker, die Terror ausüben lassen, müssen erfahren, daß sie damit außerhalb des Rechtes stehen und in keinem Land der Welt, außer ihrem Heimatland, vor Strafverfolgung sicher sind. Es kann und darf nicht sein, daß - beispielsweise - afrikanische Terror-Politiker international verfolgt werden und die der westlichen "Wertegemeinschaft" als Ehrenmänner hofiert werden und jeglicher Strafverfolgung entgehen. So wie bisher ist der Gewalt kein Ende zu
setzen.
Reaktionen auf Konvoi-Massaker
Allgemeine Quellen:
http://witnessgaza.com
http://www.freegaza.org/
http://gazafreedommarch.org/cms/en/flotilla.aspx
Reaktionen:
Thurgauer Zeitung 31.05.2010
Türkei zieht Botschafter aus Israel ab
In der Nacht auf heute hat die israelische Armee ein Schiff mit
Hilfsgütern vor der Küste Gazas angegriffen.
http://www.thurgauerzeitung.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Israel-kue...
Tickermeldungen vom 31.05.2010
Thurgauer Zeitung 31.05.2010 (Knaul)
«Die Soldaten sollten Leute töten, um andere abzuschrecken»
Der Palästinenser Jamal Zahalka ist Abgeordneter in der Knesset, dem
Parlament Israels. Die Militäraktion hat ihn nicht überrascht.
http://www.thurgauerzeitung.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Die-Soldat...
Ausriß aus Erklärung der EJDM:
The Gaza aid flotilla, originally comprising 8 ships carrying
thousands of tons of construction materials, medical equipment
and other aid, intended to sail to Gaza in order to deliver its
humanitarian aid, and in order to break symbolically the unlawful
blockade of Israel imposed on Gaza. Among the estimated 700 peace
activists on board were the 1976 Nobel Peace Prize Laureate
Mairead Corrigan Maguire of Northern Ireland, an elderly
Holocaust survivor, and European legislators. One participant was
Professor Norman Paech (German MP for the Left Party up to 2009),
who is also a member of the German lawyers association VDJ, a
member association of ELDH.
ELDH demands that the United Nations and the European Union take
all necessary political and legal steps to demonstrate to Israel
that they are not prepared to accept such humanitarian atrocities
and violations of international law.
In particular ELDH demands
- immediate release of the peace activists, the crew and the
ships
- immediate transfer of all humanitarian aid materials and
equipment to Gaza
- an international investigation of the crimes committed
during and after the military attack on the Gaza aid
flotilla
- prosecution of the responsible Israeli soldiers and
politicians
- an end to the unlawful blockade of Gaza by Israel
- acknowledgement by Israel of the crimes committed during
the military attack against Gaza in 2009
EJDM 31.05.2010
Protest against Israeli military attack on Gaza aid flotilla
European Lawyers demand legal and political consequences
http://ejdm.de/Protest%20against%20Israeli%20military%20attack%20of%20Ga...
1 Seite = 130 kb
Die EJDM (engl. ELDH) ist die "Europäische Vereinigung von Juristinnen
und Juristen für Demokratie und Menschenrechte in der Welt", die VDJ
ist deren bundesdeutscher Zweig. Dokumente der EJDM sind grundsätzlich
in mehreren Sprache online. Die deutsche Fassung wird folgen.
Die Bundesregierung reagiert wie immer, wenn es um Israels
Aggressionen geht, windelweich. Spät am Tage kam sie aus der Höhle:
Wilhelm betonte, die Erstürmung habe sich in internationalen
Gewässern ereignet. Auch die Blockade des Gazastreifens bewerte
die Bundesregierung als unakzeptabel. Vor einer abschließenden
Beurteilung des Zwischenfalls gelte es aber, alle Details der
Aktion herauszufinden. So sei die Frage bedeutsam, ob sich
beispielsweise Waffen an Bord der Schiffe befunden hätten, sagte
ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.
Diese Frage ist in keiner Weise bedeutsam, sie rechtfertigt weder das Entern der Schiffe und deren Entführung noch das Massaker. Die Bundesregierung versucht, eine Schein-Diskussion aufzuzwingen.
Es ist auch keine Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel, die Merkel zur Ablenkung aufgreift, daß die IDF-Soldaten wild um sich schossen. Es ist abermals eine Schein-Frage, denn die israelische Aktion selbst war bereits illegal.
Westerwelles französischer Amtskollege Bernard Kouchner zeigte
sich "geschockt" über den Militäreinsatz. "Nichts kann diesen
Einsatz von Gewalt rechtfertigen." Auch UN-Generalsekretär Ban Ki
Moon sowie die UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay
reagierteen "schockiert" darüber, dass humanitäre Hilfe mit
Gewalt aufgehalten worden sei.
Tagesschau 31.05.2010
Reaktionen auf Militäraktion
Bestürzung über den israelischen Angriff
http://www.tagesschau.de/ausland/israelreaktionen100.html
Tagesschau 31.05.2010
Neun Tote bei Einsatz gegen Hilfskonvoi
Israel steht nach Angriff in der Kritik
http://www.tagesschau.de/ausland/israelangriff104.html
Tagesschau 01.06.2010
Nach Angriff auf Hilfskonvoi
Schwere Vorwürfe gegen Israel im Weltsicherheitsrat
http://www.tagesschau.de/ausland/israelangriff106.html
jW 01.06.2010 (Wangerin)
Weltweites Entsetzen
Israelischer Seeangriff auf Free-Gaza-Hilfstransport übertrifft
schlimmste Befürchtungen. Sorge um Gefangene
http://www.jungewelt.de/2010/06-01/044.php
jW 01.06.2010 (Wangerin)
»Es war ein Akt der Piraterie«
Völkerrechtswidriger Angriff auf »Free Gaza«-Solidaritätsflotte. Linke
verlangt Freilassung aller Gefangenen. Ein Gespräch mit Christine
Buchholz
http://www.jungewelt.de/2010/06-01/039.php
telepolis 01.06.2010 (Neuber)
"Es gab keine Provokation durch die Freedom Flotilla"
Gisela Siebourg, Vorsitzende des Vorstandes der
Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, über die israelische
Marineaktion gegen einen humanitären Hilfskonvoi, bei der bis zu 19
Friedensaktivisten getötet wurden
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32726/1.html
heise news 01.06.2010 (Pany)
Hätte man die Schiffe nicht anders aufhalten können?
Angriff auf die "Solidaritätsflotte": Jenseits der unterschiedlichen
Spins stellt sich die Frage, warum die israelische Führung die
militärische Option gewählt hat
http://www.heise.de/tp/blogs/8/147730
Ausriß aus jW:
Im Verteidigungsministerium, das den UNIFIL-Einsatz der deutschen
Marine vor der libanesischen Küste überwacht, hieß es auf
jW-Nachfrage, man habe »kein Meldeaufkommen« über die
Vorkommnisse, die eine »rein israelische Angelegenheit« seien.
Indes: Der erste Kontakt israelischer Kriegsschiffe mit dem
Hilfskonvoi gegen 23Uhr am Sonntag abend muß sich indes in
unmittelbarer Nähe der Sperrzone abgespielt haben.
Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) muß
darüber aufklären, ob und wenn ja wie das maritime
UNIFIL-Kontingent auf die Drohungen und später auf den
israelischen Angriff auf die zivilen Schiffe reagiert hat.
jW 01.06.2010 (Leukefeld)
Was weiß Guttenberg über Seeangriff?
http://www.jungewelt.de/2010/06-01/055.php
jW 01.06.2010
Kleine deutsche Presseschau
»Ein Schiff voller Narren« unterwegs im »Abenteuerurlaub«
http://www.jungewelt.de/2010/06-01/045.php
LINKE Bundestagsfraktion 31.05.2010 (v. Aken)
LINKE-Bundestagsabgeordnete und Politiker der Linkspartei unverletzt
in israelischem Gewahrsam
http://www.linksfraktion.de/pressemitteilung.php?artikel=1217265536
Kommentar schreiben